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Ohne Worte

Veröffentlicht am 26.05.2021

 Warum sich Wahrheiten nur schwer ausdrücken lassen




„Alles, was lange währt, ist leise.“ (Ringelnatz)


Haben Sie auch das Gefühl, man müsste wirklich alles aussprechen und in Worte packen? Wer im Leben ein bisschen was erlebt hat, merkt schnell: Einiges lässt sich nicht sagen – und das hat auch seinen Grund. Denn so wie es viele große und wahre Momente im Leben gibt, die kaum jemand sieht, so gibt es auch in uns selbst Emotionen und Gedanken, die man nicht sagen kann oder möchte.

Einen Moment der Wahrheit zu erleben, ist so eine Sache, die man nur schwer aussprechen oder weitergeben kann. Weil man berechtigterweise Angst hat, diesen Moment dadurch abzuwerten oder gar zu verlieren. Ich möchte hier gar nicht das ganze sinnfreie alltägliche News- und Social-Media-Geplapper anführen – aber natürlich merken wir oftmals, wie wenig das, was überall erzählt und diskutiert wird, uns wirklich weiterbringt.

Und wir wollen ja weiter. Wir wollen wachsen. Wollen besser werden. Andocken an Wahrheiten und an ein „wahres Leben“. Und wenn einem dann eines Tages ein Blick oder ein Lächeln begegnet, hinter dem womöglich ein ganzes Universum steht, ein liebenswerter Mensch, vielleicht sogar die Liebe des Lebens, dann ist das Grund genug, diesen wunderbaren, wahren Moment wortlos im Herzen zu behalten und als solchen abzuspeichern. Gleiches gilt für die sogenannten unglaublichem Zufälle oder Winke des Schicksals, die man in Romanform gerne goutiert, aber in der Realität womöglich nur einer besten Freundin oder einem bestem Freund erzählen kann.  

Was nicht zerredet werden kann, weil man es nicht preisgibt, hat trotzdem maßgeblichen Einfluss auf unsere Sprache: Wer um die Schönheiten und das Glück im Leben weiß, drückt sich automatisch gewählter aus. Sie oder er weiß um die Bedeutung von Worten – die um das herumtanzen, was sich eben nicht sagen lässt.

(Rüdiger Schmidt-Sodingen)